Neue Märchen
Märchendefinition

Das Märchen - Eine Definition

Wenn man von einem Grundtyp des Märchens ausgeht, dann muss dieses "als Idealtyp aufgefasst werden; die einzelnen Erzählungen umkreisen ihn, nähern sich ihm, ohne ihn je ganz zu erreichen." (Lüthi, Max: "Märchen", 2004, 10. Auflage, S.25)

Das Märchen kann gleichermaßen als Genre und Gattung (eine Untergattung der Epik) betrachtet werden, wobei die Genre-Merkmale überwiegen. Das Märchen wird als kurze Prosa-Erzählung definiert und steht somit in einer Ebene mit z.B. Kurzgeschichten und Satiren. Zudem haben Märchen eine gradlinige Handlung, eine formelhafte Sprache, und sie sind im Präteritum erzählt. Neben diesen formalen Gattungsmerkmalen hat das Märchen auch inhaltliche Merkmale, die es als Gerne Kennzeichnen: die Figurenkonstellation, das Auftreten von magischen Ereignissen, usw.

Liste der Merkmale

1. Handlung: Es gibt einen Handlungsstrang, um den sich das Märchen dreht, also eine Aufgabe, die bewältigt werden muss. Dies gilt für Volks- wie auch für Kunstmärchen. Beispiele: Hänsel und Gretel wurden im Wald ausgesetzt und wollen zurück nach Hause, Zwerg Nase kämpft um seine Rückverwandlung, Die kleine Gerda will Kai aus der Macht der Schneekönigin befreien,... Diese Handlung läuft stringent, d.h. es gibt keine Rückblenden und keine Ortswechsel. Die Handlung folgt immer dem Helden. (Natürlich gibt es Ausnahmen, z.B. die Szenen mit der bösen Stiefmutter aus "Sneewittchen".) Der Held macht sich auf eine tatsächliche (oder auch spirituelle) Reise und löst dabei nicht nur seine Aufgabe, sondern vollzieht auch eine wichtige Entwicklung.

2. Figuren: Die Figuren sind grundsätzlich allgemein gehalten und stereotyp. Sie sind gut oder böse. Auch haben sie (zumindest im Volksmärchen) in der Regel keine Namen. Und wenn Namen auftauchen, dann sind es die zu der Zeit verbreitesten Namen wie z.B. Hans (Deutschland), Jack (England) oder Iwan (Russland). In der Regel sind es Der Prinz, Die Fee oder Der Soldat, die im Märchen auftauchen.

3. Achtergewicht: Die jüngste Tochter ist die schönste, der Arme/Benachteiligte ist am Ende der Sieger, usw. Beispiel: Nur das jüngste der sieben Geißlein entkommt dem bösen Wolf.

4. Formelhafte Sprache: Die Märchensprache enthält eine gewisse Formelhaftigkeit ("Es war einmal",...) und wiederkehrende Formulierungen. So gibt die Sprache dem Märchen auch Struktur.

5. Magische Zahlen: Die Zahlen 3, 7 und 12 haben im Märchen eine besondere Bedeutung und treten viel öfter auf als alle anderen. Beispiele: Sieben Zwerge, sieben Geißlein, drei Brüder oder (in Andersens "Feuerzeug") drei Hunde. Auch die Zahlen strukturieren das Märchen. So muss der Held immer drei Aufgaben lösen, und die böse Stiefmutter benötigt drei Versuche und Schneewittchen (vorläufig) zu töten.

6. Magie: In Märchen treten magische Gestalten und Fabelwesen auf, und magische Artefakte mit magischen Wirkungen kommen ebenfalls vor.

7. Isolation: Die Befreiung aus einer Isolation ist grundsätzlicher Bestandteil der handlungsbestimmenden Heldenaufgabe. Allerdings treten Helferfiguren auf und stehen dem Helden zur Seite. Die Helfer sind aber immer auch Außenseiterfiguren. Der mächtige König könnte niemals Helfer sein, wohl aber der Jäger, der (wie der Held auch) allein unterwegs ist, oder die sieben Zwerge, die zivilisationsfern leben.

8. Gesellschaftsform: Dieser Punkt wird bei den Märchenmerkmalen häufig außer Acht gelassen, vielleicht weil er selbstverständlich scheint. Die Märchen spielen, wie die Formel "Es war einmal ..." impliziert, in einer weit zurück liegenden Vergangenheit, und zwar vor der Industrialisierung. Weder bei den Brüdern Grimm als Volksmärchenvertreter noch bei Hans Christian Andersen als Kunstmärchenvertreter ist von Errungenschaften der Industrialisierung (wie z.B. Maschinen oder Eisenbahnen) die Rede. Das klassische Märchen spielt in einer monarchisch geprägten Agrargesellschaft. (Eine Ausnahme bilden hier die modernen Märchen.)

Wichtig ist, dass die Märchen selten alle genannten Kriterien erfüllen.

Volksmärchen

Der Begriff "Volksmärchen" soll die Märchen bezeichnen, die dem Volksmund entnommen sind. Es gibt also keine klare Urheberschaft durch einen Autor. Aufgeschrieben wurden diese Märchen von Märchensammlern, von denen die prominentesten wohl die Brüder Grimm sind. Allerdings ist der Volksmärchen-Begriff nicht ganz unproblematisch. Durch die mündliche Tradition der Volksmärchen wurden diese im Vortrag immer wieder verändert und waren stets in Entwicklung und zudem in verschienen Regionen auch unterschiedlich ausgeprägt. Durch die Verschriftlichung wurden die Märchen statisch. Zudem haben die Sammler auch unterschiedliche Versionen von Märchen vermischt, starken Einfluss auf die Formulierungen genommen und sogar Ausschmückungen eingebaut. Dies führt dazu, dass es in der Märchendiskussion auch Vertreter gibt, die der Auffassung sind, dass Volksmärchen in schriftlicher Form keine Volksmärchen sind. Alternativ wird der Begriff Buchmärchen verwendet, der aber, da die Kunstmärchen nunmal auch in Büchern veröffentlich werden etwas unglücklich gewählt ist. Auf dieser Internetseite wird trotz Problembewusstseins der Begriff "Volksmärchen" verwendet.

Kunstmärchen

Die "Kunstmärchen" haben eine klare Urheberschaft. Autoren wie Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff sind sowohl inhaltlich als auch in der sprachlichen Ausführung klar als Urheber benennbar. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Kunstmärchen etwas freier mit den oben angeführten Märchenmerkmalen umgehen und sich zum Teil auch deutlich davon lösen. Dennoch bleiben auch bei ihnen immer genug Merkmale, die ihre Zugehörigkeit zur Gattung (bzw. zum Genre) "Märchen" erkennen lassen.

Weiterführende Literatur

  • Lüthi, Max: Volksmärchen und Volkssage - Zwei Grundformen erzählender Dichtung. Bern: A. Francke AG Verlag, 1975. 3. Auflage.
  • Mayer, Mathias: Kunstmärchen. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 2003.
  • Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen: Narr Francke Atempo Verlag, 2005.
  • Pöge-Alder, Kathrin: Märchenforschung. Tübingen: Narr Francke Atempo Verlag, 2011.
  • Zitzlsperger, Helga: Märchenhafte Wirklichkeiten. Weinheim und Basel: Beltz, 2007.